Brutale Ehrlichkeit über die „Brunnenstraße“ von Andrea Sawatzki

Genre: Autobiografie

Sprachlich: dicht

Länge: kurz 169 Seiten

„Keine Kindheit wie jede andere. Eine, die Andrea Sawatzki in intensiven Momenten erzählt: Der Journalist Günther Sawatzki gibt sein altes Leben auf, um mit seiner Geliebten zusammenzustimmen, mit der er auch eine Tochter hat: Andrea. Bald stellt sich heraus, dass dieser weltläufige und gebildete Mann schwer krank ist. Das nicht einmal zehnjährige Mädchen muss sich um den Vater kümmern, dessen anfängliche Symptome der Vergesslichkeit schnell ernster werden. Bis zu einem katastrophalen Ende.“

In „Brunnenstrasse“ schildert Andrea Sawatzki ihre Sicht als Angehörige – ohne Romantisierung, ohne Versteckspiel. Es geht nicht um die Krankheit selbst, sondern um das Leben damit zum Stand der 70er Jahre. Damals war das Wissen um die Krankheit auf einem anderen Stand als heute.

Knackig und konkret beschreibt Schauspielerin und Autorin Andrea Sawatzki ihre Kindheit mit dem an Alzheimer erkrankten Vater, den sie erst im Alter von acht Jahren beim Umzug mit ihrer Mutter in sein Haus kennenlernt. Bei der Hochzeit der beiden darf sie nicht dabei sein. Bald aber schon ist sie stolz, eine Familie mit Mutter und Vater zu haben wie die anderen Kinder. Dennoch bleiben die beiden sich fremd. Bis sie durch die Krankheit des Vaters dazu gezwungen werden, sich so nahe zu kommen wie es viele Menschen nicht kennen.

Dieses Buch zu veröffentlichen ist ein mutiger Akt, beschreibt sie doch schonungslos ehrlich ihre Gedanken und Gefühle gegenüber dem anfangs recht bemühten, später sehr strengen und schließlich durch seine Erkrankung verwirrten, hilflosen Vater. Bei ihrer Lesung erzählt Andrea Sawatzki, dass sie sich dazu durchgerungen hat, weil sie anderen Betroffenen – ob dies nun ebenso weit zurück liegt oder eine aktuelle Situation ist – Mut zuzusprechen, dass sie mit ihrer Überforderung nicht allein sind.

Die sehr konkrete Ausdrucksweise der Autorin wirkt erfrischend und sorgt dafür, dass es nicht nach Selbstmitleid klingt. Vielmehr hat man den Eindruck, die Autorin verarbeitet hier teilweise auch ihre Schuldgefühle, obwohl man als Leser eher Respekt für ihr Durchhaltevermögen in so jungen Jahren und ihre Reife hat. Die sprachliche Dichte ihrer Schilderungen lassen den Leser mit ordentlichem Tempo durch ihre Kindheitserinnerungen streifen, ohne dass es an Einfühlungsvermögen fehlt. So kommt Frau Sawatzki niemals ins schwafeln. Sie lässt aber auch keine Erinnerung aus, die es dem Leser ermöglicht, sich in ihre Situation hineinzuversetzen. Kurze Kapitel und scharf auf den Punkt gebrachte Beschreibungen helfen, das Buch bei schnelleren Lesern an einem Abend durchzulesen (ich finde Bücher immer etwas besser wenn ich sie am Stück „verschlingen“ und vollends in die Geschichte eintauchen kann).

Vom Anketten des Vaters an den Stuhl bis hin zu Wutausbrüchen ob ihrer Ohnmacht und Hilflosigkeit lässt Andrea Sawatzki keine Details aus, die sie in ein besseres Licht rücken würden. Auch an intimen Situationen fehlt es nicht. So erzählt sie, wie sie erst fassungslos schimpft, weil der Vater im fortgeschrittenen Krankheitsstadium im Wohnzimmer seine Notdurft verrichtet. Dann jedoch entscheidet sich die junge Andrea, auch aufgrund ihrer Schuldgefühle gegenüber dem ebenso hilflosen Vater, sich liebevoll um ihn zu kümmern und ihn „herzurichten“: ihn badet, ihm die Zehen- und Fingernägel schneidet und das Haar kämmt. Es gelingt Frau Sawatzki, den täglichen Zwiespalt der Gefühle zu verdeutlichen, der sich zwischen Hass, der Hilflosigkeit, der Nähe verbunden mit absolute Aufopferung und ihrer Zuneigung zueinander entspinnt.

Dies alles geschieht, während die Mutter in ihren Nachtdiensten als Krankenschwester versucht, mit der Familie finanziell um die Runden zu kommen. Jedes Familienmitglied trägt seinen Teil bei und kämpft am absoluten Rande des persönlichen Limits. Dies alles geschieht, während die Familie von den Nachbarn weder Hilfsangebote noch Verständnis erfährt, sondern eher noch aufgrund fehlenden Wissens um die Krankheit verurteilt wird. Die frühere Einserschülerin pflegt ihren Vater Tag und Nacht, ohne dass ein Lehrer genauer hinsieht und fragt, warum sie für den Unterricht zu müde ist und ihre Noten sich derart verschlechtern.

Das Buch hinterlässt bei mir vor allem eines: Es schafft eine besondere Sensibilität dafür, dass wir von vielen heimlichen Lasten und täglichen Kämpfen unserer Mitmenschen nichts wissen. Das Gefühl, dass wir als Menschen schnell (ver-) urteilen, ohne wirklich hinzusehen. Und es schafft einen großen Respekt für die dennoch – oder gerade deswegen – sympathische Autorin. Sollten wir nicht alle mit etwas mehr Sensibilität mit unseren Mitmenschen umgehen, weil wir nie wissen, welche Lasten sie täglich auf ihren Schultern tragen?

Wenn das Leben ein Gefängnis ist….

Das Leben in Nordkorea ist wie eine Kapsel, in der die Zeit stehen geblieben ist und das einzelne Leben nicht zählt gegenüber den politischen Doktrinen.

Hyeonseo Lee erzählt in diesem Buch von ihrer Kindheit in einem abgeschotteten Land voller Regeln, Zwänge, Anpassungsdruck und Not. Sie wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, Bildung und tägliche Mahlzeiten sind nicht selbstverständlich und Mädchen müssen gar fürchten, vom Diktator auserwählt zu werden – nicht für etwas gutes, sondern um als seine Konkubine einsam und abgeschottet nur für seine Vorlieben zu leben.

Es gibt sich eine Gelegenheit und die länger gehegte Idee wird in die Tat umgesetzt: Hyenseo Lee fliegt – und es gibt kein Zurück. Dafür lässt sie ihren Bruder und die Mutter zurück. Doch damit nicht genug: Sie muss eine neue Sprache lernen, neue Lebensformen, sich ein gänzlich neues Leben von Grund aufbauen. Vor allem aber muss sie erkennen: Die Welt ist viel mehr und viel unvorstellbarer als es in Nordkorea immer propagiert wurde.

Auch für den Leser bietet sich damit ein neuer Blick auf die hoch technisierte, hoch spezialisierte Arbeitswelt und eine moderne Lebenswelt voller Möglichkeiten. Es bieten sich derart viele Möglichkeiten und Entscheidungen, dass das tatsächlich der Hauptgrund für das Scheitern vieler exnordkoreanische Flüchtlinge.

Die Kapitel sind relativ kurz und thematisch sortiert. Das führt allerdings dazu, dass es einige Zeitsprünge gibt. Der Leser sollte konzentriert dabei bleiben, um jeweils einordnen zu können, in welchem Alter und Lebensabschnitt man sich gerade befindet. Das macht es wiederum auch umso authentischer.

Zutiefst beeindruckend sind dafür der Mut und das Durchhaltevermögen, das die Autorin auf ihrer beschriebenen Lebensreise mehrfach beweist. Für einen in einer von Presse- und Meinungsfreiheit geprägten Demokratie mit Wohlstand ohne Sorgen um genügend Lebensmittel und freiem Zugang zu Bildung ist kaum vorstellbar, wie sich ein Leben in Nordkorea und gar eine Flucht heraus bestreiten lässt, ohne zu verzweifeln.

Dieses Buch weiter den eigenen Horizont, schafft Verständnis für eine völlig fremde Lebensform und es bringt einen auf einen gesunden Boden der Tatsachen herunter.

Psychoterror vom Feinsten

Unter den Psychothriller-Liebhabern ist er beliebt, unter den Autoren die Nummer eins: Sebastian Fitzek hat es nach sämtlichen Büchern mit seinem neuesten Der Heimweg doch tatsächlich wieder geschafft, mich auszutricksen! Vorsicht: nicht allein im Dunklen lesen!

Der Meister der Wendungen hat es schon wieder getan. Er hat seine Leser einmal mehr auf Irrwege durch die menschlichen Ängste und Abgründe geschickt. Und auch, wenn man als Leseratte mit seinen Werken und Täuschungen bekannt ist – in dieser Geschichte ist es einfach unmöglich, das Ende vorherzusehen. Zwar nimmt der Titel an einzelnen Stellen etwas vorweg, aber der vorausschauende Leser hätte sowieso gemerkt, dass das Buch sonst nach 20 Seiten am Ende gewesen und somit nicht mal eines geworden wäre.

Denn Klara ist in einer ausweglosen Situation: Sie wird von einem Psychopathen, einem Killer verfolgt. Das schlimmste daran: Sie soll sein nächstes Opfer sein und seit Tagen läuft sie durchs Leben und weiß, dass in wenigen Minuten ihr Todestag anbricht. Ein letztes Mal telefoniert sie mit dem Begleittelefon. Dieser Service von Ehrenamtlichen bietet Frauen an, sie auf ihrem Heimweg telefonisch zu begleiten, wenn sie Angst bekommen haben. Es ist Samstagnacht, kurz vor Mitternacht, als sie mit Jules Tannenberg, einem Fremden vom Begleittelefon, ihre allerletzten Worte wechselt.

Wie gewohnt lässt Fitzek seine Leser gleich auf der ersten Seite ins eiskalte Wasser fallen. Und er lässt ihn nicht mehr los. Wo bei anderen Büchern die Spannung langsam ansteigt, dann wellenförmig voranschreitet und dem Leser kleine Pausen zum Weiterlesen lässt, missachtet Fitzek schlichtweg, dass der Leser eigentlich noch ein eigenes Leben neben dem Lesen führt: Er steigt gleich ganz oben im Spannungsbogen ein und lässt ihn erst wieder abfallen, wenn die letzte Seite umgeschlagen ist.

Typisch ist auch, dass Fitzek den Leser nie in Sicherheit wiegt und jede Spekulation auf eine Erklärung früher oder später aus dem Weg räumt. Er lässt einfach keine andere Chance auf des Rätsels Lösung als das Weiterlesen. Zum Glück gibt es am Ende eine umfangreiche Auflösung, die die Entwicklungen im Nachhinein erklärt. Dabei spielt Fitzek auch in diesem Werk wieder mit der Psyche und der Frage: Was ist Realität und was ist Einbildung? Ehrlich gesagt gibt es für mich nichts Gruseligeres als die Vorstellung, nicht mehr Herr der eigenen Sinne zu sein und nicht mehr unterscheiden zu können, ob das Gehirn einem einen Streich spielt. Dagegen sind Horrorfilme nichts!

Sebastian Fitzeks Der Heimweg ist wirklich nichts für schwache Nerven. Selbst Thriller- und Krimi-Liebhaber kommen hier teilweise an ihre Grenzen. Wie der Autor höchst selbst im Epilog sagt: „Oft wurde ich in der Vergangenheit kritisiert, weil die Geschehnisse in meinen Büchern ja gar nicht real seien. Weil bestimmte Verbrechen unrealistisch wären und nur meiner Fantasie entsprängen. Heute sage ich: ‚Zum Glück!‘ Ich schreibe zum Zweck der Unterhaltung.“ Ja, Herr Fitzek, Sie haben mich gut unterhalten, die ganze Nacht hindurch! Denn ich konnte Ihren Psychothriller einmal wieder nicht beiseite legen.

Nicht nur schaffte es Sebastian Fitzek einmal mehr, dass ich meine Lesegeschwindigkeit bis an alle Grenzen trainierte. Er verband auch ein wichtiges reales Thema, nämlich die häusliche Gewalt, das gerade in Zeiten von Corona noch viel brisanter und gefährlicher ist, mit einer – zum Glück – fiktiven, hoch spannenden Geschichte und machte damit bewusst, wie glücklich wir uns schätzen dürfen, im Lockdown ein Buch in einem sicheren und friedlichen Zuhause genießen zu dürfen! Über gelegentliche Zeitsprünge klären die Figuren den Leser über ihre Vergangenheit auf und lassen ihn an ihren teils traumatischen Erlebnissen teilhaben, ohne dass man verloren in den Zeitsprüngen umherirrt. Es sind vielmehr diese rätselhaften Zufälle und Begegnungen, die Fragezeichen hinterlassen und vermeiden, dass man seine müden Augen nach diesem Kapitel endlich wird schonen können.

Dieses Buch zählt mit seinen 378 Seiten wohl zu einem der dickeren Werke von Sebastian Fitzek. Gerade die Limited Edition ist mit ihren schwarz gefärbten Seiten ein echter Hingucker und macht sich als Geschenk oder in der eigenen Bibliothek sehr gut. Die Geschichte steht im Mittelpunkt, die dank des einfacheren Schreibstils mit vielen Dialogen und durch kursive Schrift markierten Gedankengängen der Charakter zum Glück schnell zu lesen ist. Der Erzähler springt je Kapitel zwischen den Protagonisten hin und her, wobei nach der Kapitelnummer immer die Angabe folgt, welche Figur man nun begleitet. Das macht es einfacher, der in Teilen verwirrenden Geschichte zu folgen. Da der Sprecher allwissend ist, kann man auch Gedankengänge der Figuren mitverfolgen und sich so intensiv in die Protagonisten versetzen, bis man sich in seinem eigenen Bett schon nicht mehr sicher fühlt! Ist das noch gut? Aus Sicht des Autoren ist das Buch also allemal gelungen! Aus Sicht des Lesers kommt es ganz darauf an, wie gern man sich gruselt oder ob man schnell von Alpträumen geplagt wird. 😉

Fazit: Empfehlung! Das Buch ist ein Muss für alle Fitzek-Fans, aber nichts für schwache Nerven. Kaum zu glauben, dass dieser sehr sympathische, bodenständige Vater und Autor zu solch abgefahrenen Szenarien der menschlichen Abgründe fähig ist! Es macht trotz der Fiktion auf grundlegende Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam. Wieder einmal eine tolle Arbeit, Herr Fitzek!

Spannung: hochspannend (aber nicht für jeden etwas)
Schreibstil: verständlich
Länge: mittel (knapp 400 Seiten)

Der Beginn der Zeilenreise…

Welches Buch kannst du empfehlen?“ fragen mich häufig Freunde. Viele von ihnen lesen gar nicht so viel, wie sie gerne würden. Wieso nicht?

In einer Welt voller Push- und Kurznachrichten, ständiger Nachrichteneingänge über WhatsApp und Co. fällt es zunehmend schwerer, sich nicht nur einfach mal auszuklinken, sondern auch dabei zu bleiben: einfach eine Weile analog bleiben, während das Smartphone bimmelt, leuchtet, vibriert. Verpasse ich nicht vielleicht etwas wichtiges? Ja! Zeit für dich. Zeit, in der du durch andere Zeiten, fremde Welten und unterschiedliche Wesen reisen und Neues erleben könntest. Zeit, in der du einfach mal wieder abschaltest und bei einer Sache bleibst. Zeit in der du neue Blickwinkel, Horizonte und Erkenntnisse erleben und gewinnen darfst.

Denn nichts ist unendlicher als der Raum in deinem Kopf und die menschliche Fantasie!

Schon seit ich es gelernt habe, habe ich immer gern und viel gelesen. Es ist das Eine, eine Serie zu schauen, die dich fesselt. Aber es ist nicht zu vergleichen mit der Welt, die du durch Bücher kennenlernen darfst. Und ganz nebenbei fördert Lesen die Empathie, erweitert deinen Wissensschatz, trainiert zugleich dein Gehirn und sorgt für Entspannung und es verbessert Kreativität, Fantasie und sogar deine Kommunikation. (Wer weitere Details dazu sucht, findet sie kompakt zusammengetragen unter https://www.blueprints.de/lernen-wissen/warum-lesen-wichtig-ist.html.)

Noch immer nicht überzeugt? Dann tun es vielleicht die Buchempfehlungen, die du demnächst hier in meinem Blog finden wirst! Ob Romane, Historisches, Biografien, Fantasy oder Thriller und Krimis – diese Bücher lohnen, anderes aus der Welt auch einfach mal zu verpassen.

Erzähle mir auch von deiner Reise durch die Zeilen der verschiedenen Bücherwelten in den Kommentaren. Ich freue mich auf unsere gemeinsame Reise!

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