Psychoterror vom Feinsten

Unter den Psychothriller-Liebhabern ist er beliebt, unter den Autoren die Nummer eins: Sebastian Fitzek hat es nach sämtlichen Büchern mit seinem neuesten Der Heimweg doch tatsächlich wieder geschafft, mich auszutricksen! Vorsicht: nicht allein im Dunklen lesen!

Der Meister der Wendungen hat es schon wieder getan. Er hat seine Leser einmal mehr auf Irrwege durch die menschlichen Ängste und Abgründe geschickt. Und auch, wenn man als Leseratte mit seinen Werken und Täuschungen bekannt ist – in dieser Geschichte ist es einfach unmöglich, das Ende vorherzusehen. Zwar nimmt der Titel an einzelnen Stellen etwas vorweg, aber der vorausschauende Leser hätte sowieso gemerkt, dass das Buch sonst nach 20 Seiten am Ende gewesen und somit nicht mal eines geworden wäre.

Denn Klara ist in einer ausweglosen Situation: Sie wird von einem Psychopathen, einem Killer verfolgt. Das schlimmste daran: Sie soll sein nächstes Opfer sein und seit Tagen läuft sie durchs Leben und weiß, dass in wenigen Minuten ihr Todestag anbricht. Ein letztes Mal telefoniert sie mit dem Begleittelefon. Dieser Service von Ehrenamtlichen bietet Frauen an, sie auf ihrem Heimweg telefonisch zu begleiten, wenn sie Angst bekommen haben. Es ist Samstagnacht, kurz vor Mitternacht, als sie mit Jules Tannenberg, einem Fremden vom Begleittelefon, ihre allerletzten Worte wechselt.

Wie gewohnt lässt Fitzek seine Leser gleich auf der ersten Seite ins eiskalte Wasser fallen. Und er lässt ihn nicht mehr los. Wo bei anderen Büchern die Spannung langsam ansteigt, dann wellenförmig voranschreitet und dem Leser kleine Pausen zum Weiterlesen lässt, missachtet Fitzek schlichtweg, dass der Leser eigentlich noch ein eigenes Leben neben dem Lesen führt: Er steigt gleich ganz oben im Spannungsbogen ein und lässt ihn erst wieder abfallen, wenn die letzte Seite umgeschlagen ist.

Typisch ist auch, dass Fitzek den Leser nie in Sicherheit wiegt und jede Spekulation auf eine Erklärung früher oder später aus dem Weg räumt. Er lässt einfach keine andere Chance auf des Rätsels Lösung als das Weiterlesen. Zum Glück gibt es am Ende eine umfangreiche Auflösung, die die Entwicklungen im Nachhinein erklärt. Dabei spielt Fitzek auch in diesem Werk wieder mit der Psyche und der Frage: Was ist Realität und was ist Einbildung? Ehrlich gesagt gibt es für mich nichts Gruseligeres als die Vorstellung, nicht mehr Herr der eigenen Sinne zu sein und nicht mehr unterscheiden zu können, ob das Gehirn einem einen Streich spielt. Dagegen sind Horrorfilme nichts!

Sebastian Fitzeks Der Heimweg ist wirklich nichts für schwache Nerven. Selbst Thriller- und Krimi-Liebhaber kommen hier teilweise an ihre Grenzen. Wie der Autor höchst selbst im Epilog sagt: „Oft wurde ich in der Vergangenheit kritisiert, weil die Geschehnisse in meinen Büchern ja gar nicht real seien. Weil bestimmte Verbrechen unrealistisch wären und nur meiner Fantasie entsprängen. Heute sage ich: ‚Zum Glück!‘ Ich schreibe zum Zweck der Unterhaltung.“ Ja, Herr Fitzek, Sie haben mich gut unterhalten, die ganze Nacht hindurch! Denn ich konnte Ihren Psychothriller einmal wieder nicht beiseite legen.

Nicht nur schaffte es Sebastian Fitzek einmal mehr, dass ich meine Lesegeschwindigkeit bis an alle Grenzen trainierte. Er verband auch ein wichtiges reales Thema, nämlich die häusliche Gewalt, das gerade in Zeiten von Corona noch viel brisanter und gefährlicher ist, mit einer – zum Glück – fiktiven, hoch spannenden Geschichte und machte damit bewusst, wie glücklich wir uns schätzen dürfen, im Lockdown ein Buch in einem sicheren und friedlichen Zuhause genießen zu dürfen! Über gelegentliche Zeitsprünge klären die Figuren den Leser über ihre Vergangenheit auf und lassen ihn an ihren teils traumatischen Erlebnissen teilhaben, ohne dass man verloren in den Zeitsprüngen umherirrt. Es sind vielmehr diese rätselhaften Zufälle und Begegnungen, die Fragezeichen hinterlassen und vermeiden, dass man seine müden Augen nach diesem Kapitel endlich wird schonen können.

Dieses Buch zählt mit seinen 378 Seiten wohl zu einem der dickeren Werke von Sebastian Fitzek. Gerade die Limited Edition ist mit ihren schwarz gefärbten Seiten ein echter Hingucker und macht sich als Geschenk oder in der eigenen Bibliothek sehr gut. Die Geschichte steht im Mittelpunkt, die dank des einfacheren Schreibstils mit vielen Dialogen und durch kursive Schrift markierten Gedankengängen der Charakter zum Glück schnell zu lesen ist. Der Erzähler springt je Kapitel zwischen den Protagonisten hin und her, wobei nach der Kapitelnummer immer die Angabe folgt, welche Figur man nun begleitet. Das macht es einfacher, der in Teilen verwirrenden Geschichte zu folgen. Da der Sprecher allwissend ist, kann man auch Gedankengänge der Figuren mitverfolgen und sich so intensiv in die Protagonisten versetzen, bis man sich in seinem eigenen Bett schon nicht mehr sicher fühlt! Ist das noch gut? Aus Sicht des Autoren ist das Buch also allemal gelungen! Aus Sicht des Lesers kommt es ganz darauf an, wie gern man sich gruselt oder ob man schnell von Alpträumen geplagt wird. 😉

Fazit: Empfehlung! Das Buch ist ein Muss für alle Fitzek-Fans, aber nichts für schwache Nerven. Kaum zu glauben, dass dieser sehr sympathische, bodenständige Vater und Autor zu solch abgefahrenen Szenarien der menschlichen Abgründe fähig ist! Es macht trotz der Fiktion auf grundlegende Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam. Wieder einmal eine tolle Arbeit, Herr Fitzek!

Spannung: hochspannend (aber nicht für jeden etwas)
Schreibstil: verständlich
Länge: mittel (knapp 400 Seiten)

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